Zum Violinkonzert von Ermanno Wolf-Ferrari. Mit einem Gespräch mit Benjamin Schmid.

Gottfried Franz Kasparek

Declaration of love in dark times
On the Violin Concerto by Ermanno Wolf-Ferrari
With a conversation with Benjamin Schmid

 

Ermanno Wolf-Ferrari, in Venedig geborener Sohn eine deutschen Malers und einer Italienerin, war der Prototyp des „Deutschitalieners“. Er komponierte seine Opern in der Sprache der Mutter und schrieb seine Briefe mehrheitlich in der des Vaters. Er lebte lange Zeit in München und war als Tondichter völlig aus der Zeit gefallen. Dem Verismo zollte er nur selten seinen Tribut. Im Zentrum seines Schaffens standen Buffoopern, die in höchst kunstfertiger und origineller Weise die Tradition fortführen. Sie sind erfüllt vom zeitlosen Zauber der großen Melodie, verbunden mit prächtiger Komik und feinsten Klangfarben. Sie existieren alle auch in von ihm autorisierten deutschen Fassungen. „I quattro rusteghi“/ „Die vier Grobiane“, „Le donne curiose“/ „Die neugierigen Frauen“ und „Il Campiello“ tauchen auch heute noch immer wieder auf Spielplänen auf und werden vom Publikum geliebt. Doch daneben wären geistliche Werke, lyrische Kammermusik und sensible Orchesterstücke zu entdecken.

Wolf-Ferrari wurde zwar in der NS-Zeit, die er großteils in Deutschland verbrachte, zum Direktor des Mozarteums in Salzburg ernannt. Er war jedoch kein Nazi, sondern ein politisch naiver Künstler, der sich in den elfenbeinernen Turm zurückzog. Er schrieb mitten im Grauen des 2. Weltkriegs eines der schönsten romantischen Violinkonzerte, inspiriert von der tiefen Zuneigung eines alten Herrn zu einer jungen Frau. Die blutjunge Geigerin Guila Bustabo, in Deutschland gebliebene Amerikanerin mit italienischem Vater und tschechischer Mutter, war die letzte große Liebe des 67jährigen Komponisten. Sie war damals ein Star, eine zarte und aparte Frau und eine ausdrucksstarke Musikerin. Nach dem Krieg setzte sie ihre Karriere nicht fort, sondern unterrichtete in Innsbruck und war Orchestergeigerin in den USA. Sie starb, fast vergessen, erst 2002 in Alabama. „Ihr“ Konzert lebt und hat in Benjamin Schmid einen glühenden Interpreten gefunden. Wolf-Ferrari griff motivisch auf Werke aus seiner Jugend zurück. Das himmlische Hauptthema des ersten Satzes zum Beispiel entstammt der Liebesleid-Arie aus einer unvollendeten Oper. Ein Zitat aus Franz Lehárs Meisteroperette „Die lustige Witwe“ – „Es waren zwei Königskinder…“ – hat mit persönlichen Erlebnissen des ungleichen Paars zu tun. Die Liebe musste unerfüllt bleiben, wie die der Königskinder. Nicht alles in diesem Konzert ist Liebeslyrik. Im eigentlich quicklebendigen Finalsatz überraschen mystische Passagen, als würde Gevatter Tod vorbeischauen.

Für Benjamin Schmid „trägt die Form maßgeblich zum Erfolg und zum Charakter des Konzerts bei, sie ist genial!“ Der große Geiger aus Salzburg, der über die Musik, die er mit direkter Emotion spielt, immer auch analysierend nachdenkt, empfindet „den ersten Satz als eine flimmernd-melodiöse Arie im Dialog der Geige mit der Flöte, als wagnerianisch-barock, opern- und episodenhaft, noch etwas verschwommen in der Orchesterbehandlung, aber zu drei großen Abschlüssen auflaufend. Im zweiten Satz folgt ein hinreißend schönes Fis-Dur-Lied, intim, hell und gehaltvoll. Der  Mittelteil in dunklem es-Moll ist ein Terzengesang, zu dem mir Brahms und Schubert einfallen, mit einer kunstvollsten Rückführung zur Reprise in G-Dur (!), dann genial den Halbton herunter zum originalen Fis-Dur zurückmodulierend, mit zartester, banger Frage der Bratschen in der Coda, die nach einem langen Moment der Stille positiv beantwortet wird und zum lyrischen Epilog führt. Der dritte Satz ist ein Recitativo, rückblickend, hochdramatisch, fantasiehaft, bedrohlich, feiernd, voll aufspringender Virtuosität.“

„Im vierten Satz“, so Schmid weiter, „erscheint ein fröhlich ausgelassenes und virtuoses Rondothema, an Beethovens Vorbild erinnernd, darauf folgt eine freie virtuose Entwicklung für Solist und Orchester. Es gibt aber auch mystische Passage mit ergreifenden Melodien. Und dann: eine der längsten auskomponierten Geigenkadenzen am Schluss des Konzerts, den lyrischen Geist des Werks noch einmal aushorchend. Sogar das Orchester mischt sich nach Elgar’scher Art noch unscheinbar und auf das Zauberhafteste in die Fantasie ein, bevor ein Kehraus zum gemeinsamen, hochvirtuosen Schluss erfolgt.“

Die Poesie dieser Musik wird nie zum Selbstzweck, die Virtuosität ist immer emotionaler Ausdruck. Aber ist dies nicht, so ergreifend es ist, ein bedenkliches Stück, welches die grausame Realität der Zeit, in der es entstanden ist, verweigert? Liebe kann stärker als Realität sein. Und die klare Reife und Innigkeit einer Musik kann auch als Gegenentwurf zum Horror ihrer Umgebung verstanden werden. Als Vision einer besseren Welt. Als Sehnsucht nach einer Schönheit, die nicht sterben darf.