Benjamin Schmid by Roithner

Erlauben Sie mir ein paar Anmerkungen zu Bach´s Goldberg Variationen.
Erstens: Was sind diese GoldbergVariationen, und zweitens :  warum heissen sie so?
Es handelt sich hier um ein Variationenwerk  JS Bachs für 2 manualiges Cembalo von über 1 Stunde Musiklänge, deren Form signifikant ist:
Voran- und hinangestellt ist ein Thema, genannt Aria, dem dann 30 Variationen folgen. Zusammen macht das also 32 Formteile. Das Thema  selbst besteht auch aus 32 Takten, es gliedert sich in 4        8- taktige Kadenzen: G, D, e, G.  Dieses Thema ist zweiteilig ( die „forma bipartita“) wie auch das ganze Werk: nach 16 Formen gibt es einen Neuanfang des 2ten teils mit der „Ouverture“. Anders gesagt:  Die Zahl der 32 Takte korrespondiert mit der Zahl der 32 Sätze.
Der italienische Name Aria meint in diesem Falle nicht etwa eine stilisierte Opernarie, sondern gleicht dem Satztyp einer gravitätischen Sarabande.[12] Ihre reiche, genau ausgeschriebene Ornamentik , also Verzierungen, verweisen auf François Couperin. Diese reizvolle Melodie spielt aber dann keine wichtige Rolle mehr, sondern die Basslinie darunter bildet nunmehr den immerwiederkehrenden Rahmen für alle Variationen.
Jeweils drei Variationen lassen sich dabei zu einer Gruppe zusammenfassen: Auf eine Variation, die einen bestimmten Satztyp vorstellt, folgen jeweils ein virtuoses Spielstück und ein Kanon.
Bei  diesen Satztypen findet sich ein Gemisch aus italienischen, französischen und deutschen Formen wieder: Sarabande, Polonaise, Sinfonie, Passepied,  Giga, Fuge, Lamento Arie, Overture, Menuett, Allemande, Fantasia, Courrante, Toccata, Quodlibet…Es ist vermutlich auch diese Stilvielfalt, die den einzigartigen Reiz dieses Werks ausmachen:   In einer überlegen disponierten Ordnung versammelt  Bach hier alles ihm Bekannte zu einer lebendigen Einheit, er zieht gleichermassen eine Quintessenz aus allen damaligen Musikarten.
Die jeweils zweiten Variationen bringen viel instrumentale Virtuosität: diese steigert sich insbesondere im zweiten Teil nocheinmal erheblich. Vermutlich haben die virtuosen „Essercizi“ von Domenico Scarlatti, die 1738 verlegt worden sind, eine eindrückliche Wirkung auf Bach gehabt. Vor allem das Überkreuzen der Hände am Klavier wird hier gern verwendet. Carl Phillipp Emanuel  Bach nannte das eine „sehr eingerisse Hexerey“, die Sie übrigens auch in unserer Bearbeitung als Stimmkreuzung der Instrumente gut wahrnehmen können.

Für die in jeder dritten Variation komponierten Kanons, die immer streng 2 stimmig sind und sich in dieser Bearbeitung immer Geige und Bratsche teilen, lässt sich Bach aber noch etwas einfallen, das wiederum seine ganz eigene Formschöpfung ist  (und das kann man als Hörer ganz gut mitverfolgen): mit jedem Kanon vergrössert sich das Anfangsintervall um einen Ton, ausgehend von der Prim bis zur None. Dass er dabei auch noch 2 mal Umkehrungskanons verwendet, bestätigt Bachs Ruf als Formgenie.
Eine Besonderheit stellt dann noch die 30. Variation dar, die Bach mit Quodlibet  (also „ wie es beliebt“) bezeichnet. Anstelle eines weiteren Kanons zitiert Bach hier zur Basslinie zwei Gassenhauer der damaligen Zeit, nämlich die thüringisch-sächsischen Volkslieder „Ich bin so lang nicht bei dir g(e)west, ruck her, ruck her, ruck her“ und „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“.[39]Solche Quodlibets sollen auch in Bachs Grossfamilie improvisiert worden sein: zu einer bekannten Melodie wurden Harmoniestimmen extemporiert und mit anderen zusätzlichen und gleichzeitig erklingenden Texten versehen – was chaotisch sein musste (Kraut und Rüben) und Anlass zu Lachgelagen war. Davon ist dieses Quodlibet natürlich weit entfernt, es steht perfekt organisiert da.
Soweit also die Form dieses Werks, das als Meilenstein polyphoner Komponierkunst gilt.
Die Bearbeitung des originalen Cembaloparts zum Streichtrio, das Sie heute hören, stammt von Dimitry Sitkovetsky, der vor ca. 25 Jahren die geniale Idee hatte, die Dreistimmigkeit des Werks auf 3 Streichinstrumente zu verteilen, was die Durchhörbarkeit und Kantabilität, aber auch die Virtuosität in eigener Weise steigert.
Zum Abschluss:
Wie kommt es also zum Namen Goldberg Variationen?
Das Werk wurde 1741 erstmals verlegt, und zwar als: „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“
„Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget / von / Johann Sebastian Bach […]“

Geschrieben wurde es, für ein Honorar von 40 Louis d´Or,  für den russischen Gesandten am Dresdner Hof, Grafen Hermann Carl von Keyserlingk. Der in dessen Diensten stehende Cembalist Johann Gottlieb Goldberg, ein hochbegabter Schüler Wilhelm Friedemann Bachs und Johann Sebastian Bachs, sollte dem Grafen daraus vorspielen.[4]
„Einst äußerte der Graf gegen Bach, daß er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte."
Benjamin Schmid
[4]

 

 


Programmzettel:
Aria
Variatio 1. a 1 Clav.
Variatio 2. a 1. Clav.
Variatio 3. Canone all Unisuono à 1 Clav.
Variatio 4. à 1 Clav.
Variatio 5. a 1 ô vero 2 Clav.
Variatio 6. Canone alla Seconda a 1 Clav.
Variatio 7. à 1. ô vero 2 Clav. („al tempo di Giga“)
Variatio 8. a 2 Clav.
Variatio 9. Canone alla Terza. a 1 Clav.
Variatio 10. Fugetta. a 1 Clav.
Variatio 11. a 2 Clav.
Variatio 12. Canone alla Quarta.
Variatio 13. a 2 Clav.
Variatio 14. a 2 Clav.
Variatio 15. andante. Canone alla Quinta. a 1 Clav.
Variatio 16. a 1 Clav. Ouverture
Variatio 17. a 2 Clav.
Variatio 18. Canone alla Sexta. a 1 Clav.
Variatio 19. à 1 Clav.
Variatio 20. a 2 Clav.
Variatio 21. Canone alla Settima.
Variatio 22. a 1 Clav. alla breve
Variatio 23. a 2 Clav.
Variatio 24. Canone all Ottava a 1 Clav.
Variatio 25. a 2 Clav. („adagio“)
Variatio 26. a 2 Clav.
Variatio 27. Canone alla Nona. a 2 Clav.
Variatio 28. a 2 Clav.
Variatio 29. a 1 o vero 2 Clav.
Variatio 30. a 1 Clav. Quodlibet.
Aria da Capo è Fine