Salburger Nachrichten Interview:"Es war nicht immer alles glatt"

Im Alter von 45 Jahren hat Benjam Schmid viel erreicht. Hat der Erfolg auch Kehrseiten? Der Geiger im SN-Gespräch.

Der Salzburger Geiger Benjamin Schmid, der heute, Montag, in einer Serenade der Salzburger Festspiele auftritt, scheint rundherum ein Glückskind zu sein. Ist tatsächlich immer alles so rund gelaufen, wie es den Anschein hat?

SN: Ihr Leben wirkt so glatt und problemlos, von Anfang bis heute. Empfinden Sie das selbst auch so?
Schmid: Mir ist klar, dass ich viel Glück in meinem Leben habe und gehabt habe. Die Angelpunkte sind Musik, Familie, jetzt eigene Familie und Berufsleben. Da ist das meiste für mich bis jetzt - toi, toi, toi - wunderbar aufgegangen. Ganz glatt geht aber in keinem Leben alles, auch in meinem nicht. Als junger Solist in den ersten Jahren muss man schon sagen: Man stirbt tausend Tode auf der Bühne. Das muss man aushalten und an seiner Vision festhalten. Auch der Grenzgang zwischen Klassik und Jazz war nicht immer leicht: Jedes der beide Genres würde für ein Leben ausreichen. Aber ich habe verstanden, dass sich diese beiden Kunstformen gegenseitig inspirieren können und empfinde es heute als Privileg, Zugang zu beiden zu haben.

SN: Löst die tausend Tode die Aufführungssituation aus?
Schmid: Jeder Solist spielt alles irgendwann zum ersten Mal, danach vergehen oft drei, vier Saisonen bis zu einer Wiederholung. In manchen Saisonen hatte ich 25 verschiedene Violinkonzerte vorzubereiten. Man ist oft mit der eigenen Leistung nicht zufrieden, so war es bei mir jedenfalls; das grenzt schon an Selbstzerüttung. Gleichzeitig herrscht ein enormer Druck: hinter mir 60 erstklassige Instrumentalisten im Orchester, vor mir 2000 Zuhörer, dazu Mikrofone und Kameras und ein Stück, das man zum ersten Mal spielt. Mit 20 Aufführungen desselben Stückes entschärft sich das.

SN: Sie haben heuer den Deutschen Schallplattenpreis für das Violinkonzert von Wolf-Ferrari bekommen, Sie haben in den letzten Jahren viele Violinkonzerte einstudiert und auf CD eingespielt, auch zeitgenössische Violinliteratur.
Schmid: Ja, zurzeit kommt viel von mir auf CD heraus: zum Beispiel das Reger-Violinkonzert, ein Duo-Recital mit meiner Frau, sowie die Violinkonzerte von Ligeti mit dem Finnish Radio Orchestra und Weill mit der Salzburger Bläserphilharmonie, daneben eine Jazzplatte.

SN: Man hat das Gefühl, es ist schon alles an Violinliteratur von Ihnen gespielt.
Schmid: Ja, das meiste davon auch aufgenommen, letztens Paganinis Violinkonzert in der Bearbeitung von Fritz Kreisler mit den Wiener Philharmonikern.

SN: Ist vielleicht auch die Serenade von Leonard Bernstein, die Sie bei den Salzburger Festspielen spielen, zum ersten Mal übrigens auf der neuen Guyot-Stradivari, für Sie eine Premiere?
Schmid: Ich habe dieses Stück in meiner Studienzeit in Philadelphia einmal in einer kleinen Aufführung gespielt, weil mein amerikanischer Lehrer zu diesem Repertoire einen Bezug hatte. Ich finde es ein höchst attraktives Violinkonzert des 20. Jahrhunderts, weil es viele Strömungen genial verbindet. Es ist übrigens das zehnte Werk des 20. Jahrhunderts, das ich bei den Salzburger Festspielen erstaufführe - neben zwei Henze-Konzerten, dem Korngold-Konzert, Messiaen, Schönbergs "Pierrot", Strawinskys "Histoire du Soldat" zum Beispiel. Andere Jubiläen: Ich habe vor 25 Jahren fast auf den Tag genau unter Hans Graf hier meine erste Mozart-Matinee gespielt. Und ich habe genau 50 Jahre nach Bernstein am Curtis Institute (Curtis Institute of Music in Philadelphia, Anm.) graduiert - er 1941, ich 1991. Das ist das beste Musikinstitut der Welt, ich durfte dort zwei Jahre studieren. Bernstein ist einer meiner Vorgänger, und ich fühle mich seinem geistigen Erbe nahe, weil er ein seriöser und fantastischer Wandler zwischen E- und U-Musik war.

SN: Sie haben als Salzburger Karriere gemacht hat. Sie sind in Wien geboren und haben Verbindung zur Schweiz, durch Ihre Frau, aber auch durch die Professur in Bern, die Sie bis vor drei Jahren hatten.
Schmid: Ich würde eindeutig Salzburg als Ausgangspunkt nennen. Von Wien bin ich ja mit sieben Jahren umgezogen und hatte erst zwei Jahre als Kind Geige gespielt. Hier am Mozarteum wurde ich dann in die Vorbereitungsklasse aufgenommen, zu meinem Glück bei Irmgard Gahl, meiner wichtigsten Geigenlehrerin.

SN: Auch Ihr Vater war Impulsgeber und hat in der Kindheit die Liebe zu Klassik und Jazz geweckt.
Schmid: Unbedingt - und meine liebe Mutter hat alles drum herum ermöglicht!

SN: Wie ordnen Sie das heute rückblickend ein, auch im Hinblick auf Ihre vier eigenen Kinder?
Schmid: Es gehört zum Menschsein dazu, Dinge weiterzugeben. Das ist etwas Wunderbares. Mein Vater hat eine riesige Leidenschaft für Musik und Klavierspiel, meine Mutter für Viola da Gamba. Abends kam der Vater nach Hause und fragte: Wer spielt heute mit mir? Diese Frage ist mir lebhaft in Erinnerung, sie ist der Schlüssel zum Musikmachen. Denn neben dem einsamen Üben - und das hat wiederum meine Mutter behutsam überwacht - war es so eine Art Belohnung, miteinander zu spielen. Das haben meine Eltern früh verstanden und gefördert.

SN: Und wie gelingt Ihnen das jetzt mit Ihren Kindern?
Schmid: Ich teile meine Zeit genau zwischen Tourneeleben, Familie und Professur - im Moment in dieser Reihenfolge, weil ich in der Professur auch auf Karenzzeit bin. Ich bin also einer der angeblich fünf Prozent Väter in Österreich, die eine Karenz nehmen. Ich gestalte meinen Konzertkalender jetzt viel restriktiver als vor einigen Jahren, als ich quasi jeden zweiten Tag konzertiert habe - das gibt es jetzt nicht mehr. Ich verbringe viel Zeit zu Hause. Da übe ich mit den beiden großen Kindern, die sind jetzt sieben und fünf, jeweils eine halbe Stunde. Beide haben andere Lehrer, das ist wichtig. Aber ich übe mit ihnen, und es macht uns allen Spaß.

SN: Ihre Frau Ariane Haering ist Pianistin. Das ist nur möglich, wenn auch der Vater zugunsten der Kinder einige berufliche Verpflichtungen abgibt. Tun Sie das?
Schmid: Ich habe zwar meine Konzerte wegen des Vaterseins zum Teil bis auf die Hälfte reduziert. Die Wahrheit ist aber die, dass mir meine Frau den Rücken frei hält und ihre eigene Konzerttätigkeit zurückgenommen hat. Aber ich kümmere mich gern um die Kinder. Und wir suchen auch Wege mit Kinderbetreuung.

Erika Pichler, Salzburger Nachrichten (12.08.2013)